Erinnerungen
Opa erzählt vom Krieg.
Das tut er selten und eigentlich immer nur in Bruchstücken. Doch dieses Mal sprudelt es nach Gesprächen über die liebe Verwandtschaft aus ihm heraus. Wir beginnen als er 7 oder 8 Jahre alt ist und das erste Mal mit der Kinderlandverschickung von Berlin aus "in den Urlaub" fährt. Nach Sonnenberg im Harz. Da war es schön, richtig idyllisch. Die zweite Reise führt irgendwo nach Tschechien. Da lernt er Skifahren. Auch ein toller Ausflug wäre das gewesen. Doch dann geht er als "Hitlers letzte Reserve" nach Ostpreußen. Dort kommt er bei den Eltern von Nachbarn von uns unter. Ein großer Gutshof war das. Neben seinem Dasein als Kindersoldat hat er dort vom Herrn des Hauses jagen gelernt. Das war das Einzige, was dort noch Spaß gebracht hätte.
Dann kommen die Russen und die Stimme stockt. Er springt nach Tschechien zurück wo er ein zweites Mal hinmuss. Diesmal ebenfalls als "Soldat" von 14 Jahren. Gleise bewachen, Amerikanische Kriegsgefangene bewachen. Bis die Russen auch hier ankommen und er sich auf einem Bauernhof versteckt. Dort kommt er einigermaßen über die Runden, bis er einen gravierenden Fehler macht und eines Tages auf das Klopfen an der Tür reagiert. Die Russen stehen draußen mit dem Gewehr im Anschlag. Sie zielen auf ihn doch trotzdem schafft er es irgendwie, ihnen zu entkommen.
Er will nicht mehr, will nur noch nach Hause. Nach Berlin. Zu Fuß macht er sich auf den Weg. Kommt bis nach Cottbus wo ihn Polen aufgreifen und er für kurze Zeit wieder in Gefangenschaft gerät. Erneut flieht er, nimmt sein Bündel und findet einen Zug auf dem er in der Lok bis kurz vor Berlin fahren kann. Er hätte ausgesehen wie ein Schornsteinfeger durch den ganzen Ruß.
An der Endstation erwischt er einen Bus, der ihn bis in die Stadt bringt. Plötzlich hat er Tränen in den Augen, wie alle, die in diesem Moment mit ihm am Tisch sitzeb. Der Hohenzollerndamm ist noch fast intakt. Doch als er in seine Straße mit seinem Haus einbiegt sind dort nur noch Trümmer. Alles umsonst, denkt er. Er trifft auf eine alte Frau, die ihn ermuntert die an die Hauswände gekritzelten Nachrichten zu lesen und plötzlich entdeckt er seine Mutter, die zusammen mit anderen Überlebenden in einem Keller Unterschlupf gefunden hat.
Die Geschichte geht noch ein Stück weiter. Die Tränen versiegen. Der angenehmere Teil der Erzählung folgt. Raus aus Berlin, in eine andere Stadt. Da, wo er heute immer noch ist. Und ich bin ihm dankbar, dass er sich für einen kurzen Moment geöffnet hat.
Das tut er selten und eigentlich immer nur in Bruchstücken. Doch dieses Mal sprudelt es nach Gesprächen über die liebe Verwandtschaft aus ihm heraus. Wir beginnen als er 7 oder 8 Jahre alt ist und das erste Mal mit der Kinderlandverschickung von Berlin aus "in den Urlaub" fährt. Nach Sonnenberg im Harz. Da war es schön, richtig idyllisch. Die zweite Reise führt irgendwo nach Tschechien. Da lernt er Skifahren. Auch ein toller Ausflug wäre das gewesen. Doch dann geht er als "Hitlers letzte Reserve" nach Ostpreußen. Dort kommt er bei den Eltern von Nachbarn von uns unter. Ein großer Gutshof war das. Neben seinem Dasein als Kindersoldat hat er dort vom Herrn des Hauses jagen gelernt. Das war das Einzige, was dort noch Spaß gebracht hätte.
Dann kommen die Russen und die Stimme stockt. Er springt nach Tschechien zurück wo er ein zweites Mal hinmuss. Diesmal ebenfalls als "Soldat" von 14 Jahren. Gleise bewachen, Amerikanische Kriegsgefangene bewachen. Bis die Russen auch hier ankommen und er sich auf einem Bauernhof versteckt. Dort kommt er einigermaßen über die Runden, bis er einen gravierenden Fehler macht und eines Tages auf das Klopfen an der Tür reagiert. Die Russen stehen draußen mit dem Gewehr im Anschlag. Sie zielen auf ihn doch trotzdem schafft er es irgendwie, ihnen zu entkommen.
Er will nicht mehr, will nur noch nach Hause. Nach Berlin. Zu Fuß macht er sich auf den Weg. Kommt bis nach Cottbus wo ihn Polen aufgreifen und er für kurze Zeit wieder in Gefangenschaft gerät. Erneut flieht er, nimmt sein Bündel und findet einen Zug auf dem er in der Lok bis kurz vor Berlin fahren kann. Er hätte ausgesehen wie ein Schornsteinfeger durch den ganzen Ruß.
An der Endstation erwischt er einen Bus, der ihn bis in die Stadt bringt. Plötzlich hat er Tränen in den Augen, wie alle, die in diesem Moment mit ihm am Tisch sitzeb. Der Hohenzollerndamm ist noch fast intakt. Doch als er in seine Straße mit seinem Haus einbiegt sind dort nur noch Trümmer. Alles umsonst, denkt er. Er trifft auf eine alte Frau, die ihn ermuntert die an die Hauswände gekritzelten Nachrichten zu lesen und plötzlich entdeckt er seine Mutter, die zusammen mit anderen Überlebenden in einem Keller Unterschlupf gefunden hat.
Die Geschichte geht noch ein Stück weiter. Die Tränen versiegen. Der angenehmere Teil der Erzählung folgt. Raus aus Berlin, in eine andere Stadt. Da, wo er heute immer noch ist. Und ich bin ihm dankbar, dass er sich für einen kurzen Moment geöffnet hat.
graefin - 28. Mrz, 15:10
Mermer (anonym) - 28. Mrz, 21:01
Ich finde sowas ja immer ungeheuer spannend, faszinierend und traurig zugleich. Meine Oma hat nie gerne vom Krieg erzählt. Der meistgesagte Satz aus ihren Erzählungen war immer: "Kinder, das war eine schlimme Zeit." Zusammen mit Tränen in den Augen und der danachfolgenden Bitte, dass die Enkel doch bitte kurz nach draußen gehen sollten. Meine Oma war dadurch, dass sie 1930 geboren wurde zwar nicht "mittendrin" (und als Frau ja schonmal gar nicht), aber doch alt genug um in der Zielgruppe zu landen, nicht wahr.
Meine Oma hatte damals auch immer versprochen (oder sich vorgenommen) alles aufzuschreiben. Von der Kindheit quasi bis zu unseren Besuchen an den jeweiligen Tagen. Leider ist nie was draus geworden.
Aber vielleicht sollte dein Opa das tun, wenn er sich dafür bereit fühlt (etwas aufschreiben und dadurch nicht nur "kurz" nochmal etwas wiedererleben sondern längerfristig - Papier ist ja geduldig). Dokumente von Zeitzeugen sind ungemein interessant und aufschlussreich.
Meine Oma hatte damals auch immer versprochen (oder sich vorgenommen) alles aufzuschreiben. Von der Kindheit quasi bis zu unseren Besuchen an den jeweiligen Tagen. Leider ist nie was draus geworden.
Aber vielleicht sollte dein Opa das tun, wenn er sich dafür bereit fühlt (etwas aufschreiben und dadurch nicht nur "kurz" nochmal etwas wiedererleben sondern längerfristig - Papier ist ja geduldig). Dokumente von Zeitzeugen sind ungemein interessant und aufschlussreich.
graefin - 28. Mrz, 21:40
Meine Großeltern sind Jhg. '30 und '31.
Aufschreiben wird er es nicht. Da bin ich mir sicher.
Im krassen Gegensatz dazu steht meine Oma, die den Krieg auf dem Land erlebt hat.
Aufschreiben wird er es nicht. Da bin ich mir sicher.
Im krassen Gegensatz dazu steht meine Oma, die den Krieg auf dem Land erlebt hat.



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